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ie Grundbedeutungen von 'Tabu'/'tabu' im heutigen Sprachgebrauch haben
nur noch wenig mit dem ursprünglichen Konzept im Tonga zu tun. Zwar
ist die o.g. völkerkundliche Bedeutung den meisten Sprachbenutzern
bekannt, doch dominiert im öffentlichen Sprachgebrauch die pejorative
Verwendung. Obwohl diese und der damit verbundene "Tabu-Vorwurf" für
interkulturelle Kontaktsituationen durchaus von Bedeutung ist, soll im
folgenden ein Tabubegriff entwickelt werden, der der zweiten - im Duden
genannten - Grundbedeutung folgt und Tabus in modernen Gesellschaften
als Teil des "sozialen Kodex einer Gemeinschaft" versteht, "der festschreibt,
welche Handlungen und Verhaltensweisen nicht ausgeführt werden sollen"
(Zöllner 1997, 25f.), und der festlegt, worüber nicht bzw. nur
in einer bestimmten Art und Weise kommuniziert werden soll. Wir meinen
also mit dem Begriff Tabu sowohl (negative) Konventionen des Handelns
(das, was man nicht macht), Nicht-Themen (das, worüber man nicht
spricht) sowie Themen, die einer besonderen sprachlichen Etikette bedürfen
(das, worüber man nur in einer ganz bestimmten Weise spricht).
Für
die Analyse moderner Gesellschaften (mit eher profanen als religiös
motivierten Tabus) eignet sich in besonderer Weise der Tabubegriff von
Reimann (1989, 421), der unter 'Tabu' die "intensive Kennung" von Personen
und Gegenständen versteht, "die Macht und Gefährdung signalisiert
und ein entsprechend angepaßtes (vorsichtiges) Verhalten bei einer
Begegnung" erfordert. Nach Reimann sind Tabus "gesellschaftliche 'Selbstverständlichkeiten'
und erhalten so eine wichtige soziale Funktion der Verhaltensregulierung,
der Etablierung von Grenzen, der Anerkennung von Autoritäten z.B.
zur Sicherung von Eigentums-, Herrschaftsverhältnissen und bestimmter
sozialer Ordnungen" (ebenda).
Tabus
dürfen nicht mit Verboten verwechselt werden. Ein Unterschied zwischen
direkt verbotenen und tabuisierten Handlungen besteht darin, daß
über Verbote durchaus gesprochen werden kann, sie z.B. nach einer
rationalen Begründung hinterfragt werden können. Tabus aber
stehen außerhalb jeder Diskussion, da sich die tabuisierte Handlung
quasi von selbst verbietet. Bekannt ist dieses Phänomen bei Nahrungstabus
und in der Sozialisation des Kleinkindes, dem schon sehr früh bestimmte
Handlungen und Berührungen durch Äußerungen wie 'Das macht
man nicht', 'Das gehört sich nicht' etc. untersagt werden. Tabus
werden durch solche unartikulierten Imperative im Erziehungsprozeß
so weit internalisiert, daß "gesetzliche Regelungen und formelle
Sanktionen vielfach überflüssig" werden (Reimann 1989, 421).
Anders
als Tabus können (und müssen) Verbote formuliert werden; denn
ein "Verbot erstreckt sich nicht gleichzeitig auf die Formulierung, sondern
es verlangt eine Formulierung" - Tabus hingegen "verlangen, daß
jeder weiß, was tabu ist, und insofern gibt es auch keinen Verbotsnormirrtum,
d.h. nach Tabuverletzungen existieren keine Verteidigungsstrategien, wie
bei manchen Verboten" (Kuhn 1987, 26). Tabuverletzungen werden auch nicht
durch kodifizierte Strafen geahndet - vielmehr stellen sich Schuldgefühle,
Abscheu und Scham von selbst ein: "der Täter wird isoliert, von der
Gemeinschaft gemieden, tabuiert - modern auch: etikettiert" (Reimann 1989,
421).
Tabus
sind ein "besonders wirksames Mittel sozialer Kontrolle" (Reimann 1989,
421) und können als "Axiome der Kommunikation" verstanden werden,
d.h. als nicht hinterfragbare Grundwahrheiten einer Gemeinschaft, die
nicht berührt werden dürfen. Tabuisiert werden in modernen Gesellschaften
einerseits bestimmte Personen, Örtlichkeiten und Nahrungsmittel sowie
andererseits Bereiche wie Sexualität, Sucht, Armut, Ungleichheit,
Korruption, Gewalt, Tod und bestimmte Erkrankungen (Reimann 1989, 421).
Zu unterscheiden sind in begrifflicher Hinsicht 'Objekttabus' (tabuisierte
Gegenstände, Institutionen und Personen) und 'Tattabus' (tabuisierte
Handlungen), die durch 'Kommunikationstabus' (tabuisierte Themen), 'Worttabus'
(tabuisierter Wortschatz) und 'Bildtabus' (tabuisierte Abbildungen) begleitet
und abgesichert werden, die ihrerseits wiederum durch 'Gedankentabus'
(tabuisierte Vorstellungen) und 'Emotionstabus' (tabuisierte Gefühle)
gestützt werden.
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